Erschienen in der 1.Mai Ausgabe der Zeitung Vorwärts

"Eigene Identität aufbauen"

Hans Haus. Ein Interview mit Nadja (21, Name geändert), ein Mitglied der Revolutionären Jugend Zürich, zu faschistische Tendenzen, und wie man gegen sie vorgehen kann.

Was ist deiner Meinung nach der Grund für faschistische Tendenzen in unserer Gesellschaft?

Der Kapitalismus führt zur verschärften Konkurrenz unter den Lohnabhängigen. Als Schuldige dafür werden nicht die verantwortlichen Kapitalisten angesehen, sondern häufig die Verlierer und die, welche am Rande der Gesellschaft stehen, wie Arbeitslose, MigrantInnen oder Behinderte. Diese Tendenz wird durch Rechtsaussen-Parteien wie die SVP - die ja schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist - verstärkt. Andererseits erfolgt durch den globalisierten Kapitalismus vermehrt ein Identitätsverlust. Diese Lücke kann durch rechte Identität, sprich Nationalismus oder Rassismus, gefüllt werden.

Könnt ihr ein Beispiel dafür nennen?

Zum Beispiel wird heute das Feindbild Islam dazu benutzt, um sich eine christlich-abendländische Tradition zu kontstruieren, die in dieser Form gar nie bestand. Rechtsaussenparteien schüren eine obskure Angst vor dieser angeblichen Gefahr und bauen damit ihr eigenes Idenitätskonstrukt auf. Das ist natürlich Wasser auf die imperialistischen Mühlen der westlichen Staaten, die diese Feindschaft benutzen können um ihre Kriege zu legitimieren. Klar: Der Islamismus ist eine reaktionäre politische Strömung, der entgegengewirkt werden muss. Aber die Bedeutung hat er eigentlich nur durch den Imperialismus des Westens und die damit verbundenen Angriffe auf linke antiimperialistischen Bewegungen erhalten.

Was bedeutet das für die Schweiz?

Die Islamfeindlichkeit lenkt vom Hauptfeind ab: Das kapitalistische System, mit all seinen Auswüchsen, wie es auch der einer Faschismus ist.

Was macht ihr konkret gegen diesen faschistischen Tendenzen?

Es muss darum gehen, uns eine eigene Identität aufzubauen. Den Faschisten Paroli zu bieten, heisst den Jugendlichen zu zeigen, wo der wahre Feind steht. Die Grenzen verlaufen nämlich nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten. Wenn Leute eine eigene, selbstbewusste Identität haben, ist es für sie nicht mehr nötig, sich durch Hauptfarbe, Herkunft oder Kultur zu unterscheiden.

Also geht es eurer Meinung nach nur um Identität?

Nein, natürlich nicht. Aber die Identität ist ein nicht zu unterschätzendes Mittel, mit dem Leute politisiert werden. Die Identitätsbildung ist jedoch nur ein Teil der gesamten Politisierung.

Andere kritisieren jedoch gerade dieses Identitäre an euch

Wie ich schon vorher erwähnt habe, ist das Identitäre nur ein Teil des Ganzen. Wir glauben nicht, dass gerade Jugendliche durch intellektuelle Lesezirkel politisiert werden. Und da gibt uns der Erfolg ein Stück weit recht. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich die Leute da abholen lassen, wo ihre Interessen liegen.

Und damit wollt ihr die Welt verändern?

Natürlich kann man von heute auf morgen nicht alles verändern. Aber langfristig ist der Aufbau einer Gegenmacht ein Weg, um eine Gesellschaft, in welcher der Mensch im Mittelpunkt der Gesellschaft steht, als realistische Alternative im Kapitalismus aufzuzeigen.

Habt ihr konkrete Beispiele für Gegenmacht?

Ja, wir haben sowohl Gegenmacht im Kleinen, wie auch im Grossen. Wir kleben zum Beispiel die Stadt mit unseren Klebern zu, aber wir beteiligen uns auch an Grossmobilisierungen. Das beste Beispiel ist der 1. Mai, an welchem wir uns an der revolutionären 1.-Mai-Demo beteiligen.