Lernen, Noten und Prüfungen

Lernen

Alle wissen, in der Schule geht es ums lernen. Unter Lernen versteht man den Aufwand in einer gewissen Zeit, um als Lernresultat etwas zu können. Etwa eine bestimmte Anzahl Übungsstunden um dann als Resultat Fahrradfahren zu können. Eigentlich eine gute Sache. Nur läuft es in der Schule ein wenig anders. Da ist nämlich eine gewisse aufgewendete Zeit nicht das Resultat des Lernens, sondern vielmehr wird die Zeit schon vorausgesetzt. In einer gewissen Zeit, soll ein gewisser Inhalt gelernt werden und zwar von allen Schülern. Diese Zeitspanne, in welcher der Lernstoff gelernt sein muss, ist für alle Schüler dieselbe, obwohl die Schüler selbst ganz unterschiedlich sind. Den einen fällt es leichter den verlangten Stoff zu lernen und sie begreifen ihn schneller, für andere geht das dauernd zu schnell.

Natürlich sind Letztere nicht dümmer als Erstere, sie bräuchten nur länger bis sie das Gleiche verstehen würden. Doch darauf wird in der Schule keine Rücksicht genommen. Selbst wenn die Lehrer wollten, sie könnten auf die, welche langsamer lernen, gar keine Rücksicht nehmen, schliesslich haben sie ihren Lehrplan zu erfüllen. Wenn nun die Zeitspanne vorüber ist, in welcher der Unterrichtsstoff beherrscht werden sollte, folgend darauf die Prüfungen und nicht etwa wenn alle Schüler den Stoff begriffen haben. Dass dies nicht der Fall ist, wissen die Lehrer übrigens ganz genau.

Noten und Prüfungen

Die Prüfungen werden allgemein als Lernerfolgskontrollen bezeichnet. Das sind sie jedoch nicht. Bei den Prüfungen werden nicht Bildungslücken beseitigt, sondern Strafen in Form von Noten verteilt. Die Noten sind dafür da, die Leistungsunterschiede der Schüler aufzuzeigen und eine Leistungshierarchie unter den Schülern zu bilden. Dass die Noten nicht dazu dienen, die Bildungslücken der Schüler zu schliessen, sieht man nur schon daran, wie sie entstehen. Bei einer Prüfung werden ganz einfach die Fehler gezählt und daraus entstehen dann die Noten. Ob die Noten nun aus Zahlen, Sätzen oder Phrasen bestehen spielt dabei übrigens keine Rolle. Was genau falsch gemacht wurde ist egal. Das Ergebnis "7 Fehler" hat zum Beispiel überhaupt nichts mit Inhalt der Fehler zu tun.

Mit dem Ergebnis "7 Fehler" ist noch nicht einmal klar, ob die Prüfung nun gut oder schlecht war. Da kommt es nämlich nicht darauf an, was der einzelne Schüler kann, sondern wie er sich im Vergleich mit den andern Schülern macht. So können 7 Fehler eine gute oder eine schlechte Note sein, ganz davon abhängig was der Durchschnitt des Rests der Klasse ist. Die Noten und damit die Prüfungen sind also keine Bewertung der Leistung der Schüler, sondern ein Vergleich zwischen ihnen. Einige Schüler haben dies so sehr verinnerlicht, dass sie sich sogar weigern ihr Wissen an andere weiterzugeben, indem sie die andern nicht abschreiben lassen, weil sie wissen, dass dies den Notenschnitt und somit auch ihre eigene Note senkt.

Noch absurder wird die Fachnote im Semester. Diese ist ein Durchschnitt der verschiedensten Themen. Die Note sagt aber nichts darüber aus, was man gelernt hat und was nicht oder welche Themen man beherrscht. Auf die Spitze getrieben wird das Ganze mit dem Gesamtschnitt von allen Fächern. Dieser ist auch der wichtigste, um bestehen zu können. Er entscheidet darüber, in welche Stufe der Sek. oder Realschule man kommt, ob man aus dem Gymnasium fliegt oder die Matura besteht. Der Gesamtschnitt hat aber nun rein gar nichts mehr damit zu tun, ob man den Unterrichtsstoff beherrscht.

Nur wenn jemand all zuwenig verstanden hat, muss er die Konsequenzen tragen. Die sind nicht etwa Repetition des Stoffes, sondern der Rausschmiss aus der Schule oder die Abstufung und damit der Ausschluss von diesem Wissen. Eine Ausnahme bildet hier die ersten sechs Primarschulklassen. Diese werden vom Staat als einheitliches Minimum angeschaut, dass absolut jeder haben sollte. Deshalb kann man dort weder rausfliegen noch abgestuft werden. Hier wird bei zu schlechter Leistung wiederholt. (Übrigens typischerweise nicht nur die Fächer, in denen man Wissenslücken hatte, sondern das gesamte Jahr. Schliesslich soll das Wiederholen in erster Linie eine Bestrafung des Schülers darstellen.)

Trotz allem finden wir Prüfungen grundsätzlich eine sinnvolle Sache. Wenn man etwas lernt, prüft man sich, ob man den Stoff beherrscht. Falls man ihn nicht beherrscht, muss man halt nochmals lernen. Im Kapitalismus ist es nun aber so, dass man fürs Nichtkönnen mit einer schlechten Note bestraft wird, und dann zum nächsten Thema übergeht.

Ein Beispiel: Jemand hat Lust Fahrradfahren zu lernen. Er übt und testet sich an einer Velotour um den Zürichsee. Er fällt einige Male um und findet er müsse noch mehr lernen. Im kapitalistischen Bildungssystem würde er aber nach seinen Stürzen eine schlechte Note fürs Fahrradfahren bekommen und müsste dann weiter zum Schwimmtraining. Wenn er übrigens Ende Jahres das Fahrradfahren immer noch nicht beherrschen würde, dafür das Schwimmen und noch das Skilaufen dazu, dann wäre es egal, wenn er immer noch nicht mit seinem Fahrrad ins Kino fahren könnte. Denn im Schnitt beherrscht er zwei von drei Fächern. So ist er zwar nicht so gut, wie einer der alle drei Tätigkeiten beherrscht, aber immerhin besser als einer der nur Schwimmen kann. Das Ziel, allen alles beizubringen, existiert nicht.

Wie bereits erwähnt, kann man so recht deutlich sehen, dass Noten eben nicht die Funktion einer Lernkontrolle übernehmen. Sie dienen nicht dazu, Bildungslücken zu schliessen, sondern sind einerseits Bestrafungen für zu langsames Lernen sind und andererseits stecken sie die Schüler in übersichtliche hierarchische Bildungsschubladen.