Scheiss ufd Mehrheit

Wir werden oft mit der Frage konfrontiert, ob unsere radikalen Positionen nicht abschreckend auf viele wirken und ob mit einer solchen Politik überhaupt eine Mehrheit erreicht werden kann. Zum einen machen wir diese Erfahrung in unserer alltäglichen Politik kaum, sondern stossen vielmehr gerade mit unseren Positionen auf grosses Interesse. Dazu kommt die Tatsache, dass die RJZ seit ihrem Bestehen stark gewachsen ist und immer neue Leute erreichen konnte. Wir denken aber, dass die Frage tiefer greift und zwar, ob man seine Politik überhaupt an der Mehrheit orientieren sollte.

Eine negative Konsequenz, die eine solche Orientierung an der Mehrheit haben kann, ist wohl vielen sich als links oder revolutionär Verstehenden bekannt: Das immer stärkere Verwässern der eigenen Position, bis diese zwar mehrheitsfähig ist, aber nur noch wenig mit der ursprünglichen Politik zu tun hat. Das bekannteste Beispiel hierfür ist wohl die Sozialdemokratie, welche sich in ihrer Politik europaweit kaum mehr von den anderen bürgerlichen Parteien unterscheidet. Es stellt sich jedoch auch die Frage, von wem in der Geschichte wirkliche Veränderungen ausgingen? Natürlich von den Massen - aber auch von einer quantitativen Mehrheit? Die bürgerliche Französische Revolution ging beispielsweise von einer zahlenmässigen Minderheit des städtischen Proletariats und Bürgertums aus. Die Jugendbewegungen von 1968 oder die 80er-Bewegung in Zürich konnten in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen Errungenschaften erkämpfen, die teilweise bis heute bestehen. Aber würde man die Stärke dieser Bewegungen in blossen Prozentzahlen ausdrücken, wäre sie wohl schlicht lächerlich. Woran sollte sich eine revolutionäre Politik aber orientieren, wenn nicht an einem Begriff der quantitativen Mehrheit?

Wir zielen mit unserer Politik dahin, wo sich etwas bewegt. Dahin, wo Bewegung und Widerstand entstehen und wo oft auch ganz neue Formen von Politik entwickelt werden. In unserem Flugblatt zum letztjährigen 1. Mai erwähnten wir als ein Beispiel dafür die Bewegung rund um die Binz-Demo, Tanz-Dich-Frei und andere Kämpfe für Freiraum. Das sind momentan mit Sicherheit nicht die Orte, wo sich prozentuale Mehrheiten finden lassen. Aber wir sind der Meinung, dass es diejenigen Orte sind, von denen aus wir eine neue Art von Politik entwickeln müssen, die natürlich auch zahlenmässig wachsen soll und muss. Das geschieht für uns aber vom Kleinen zum Grossen und durchaus auch mit einem längeren Zeithorizont.

Prozentzahlen und abstrakten Mehrheiten um jeden Preis nachzujagen steht für uns für die Art von offizieller «Politik», für die sich immer weniger Menschen überhaupt noch interessieren. Denn es wird für viele immer offensichtlicher, dass dieses Spektakel, egal wie stark es aufgebauscht wird, kaum irgendetwas verändert. Parteien wechseln sich in ihren Mehrheiten ab und betreiben letztendlich doch dieselbe «Politik» im Sinne der wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Im Gegensatz dazu ist für uns die Entwicklung einer neuen Art von Politik die richtige Herangehensweise. Diese Politik ist kein fertiges Konzept, das wir hier vorlegen können. Natürlich haben wir unsere Positionen und bringen diese in die bestehenden Bewegungen ein, aber gerade aus diesen Bewegungen muss sich für uns eine neue Politik entwickeln - Auch wenn diese Bewegungen zurzeit zahlenmässig oft noch klein sind und in ihren Inhalten teilweise wenig bestimmt. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, uns an diesen Entwicklungen zu beteiligen. Das heisst für uns einerseits unsere eigenen Positionen dort einzubringen wo sich etwas bewegt, andererseits aber auch immer von neuem von den Bewegungen zu lernen. Und dazu laden wir euch herzlich ein!