Politik im Stadion


In Schweizer und internationalen Sportstadien kam es im Lauf der letzten Jahre zu immer stärkeren Auseinandersetzungen zwischen den Fans und dem Vorstand der Vereine. Die Fans zeigen sich häufig unzufrieden mit den Entscheidungen der Clubführung und der Fussballverbände und beginnen sich für ihre Interessen einzusetzen und Mitbestimmung zu fordern. Eigentlich eine hochpolitische Sache. Dennoch kommt in den Fankurven oftmals der Ausdruck 'Keine Politik im Stadion' auf, wenn auf irgendeine Art oder Weise Politik ins Stadion kommt (zum Beispiel, wenn rassistische oder homophobe Parolen geschrien werden). Diese Aussage wird auch von Rechten verwendet, wenn linke Personen ihre Politik in das Stadion tragen, sei dies gegen Repression, gegen Bonzen in der Chefetage, die nicht auf die Fans hören wollen, oder gegen Rassismus. In diesem Text soll es darum gehen, wie Politik auch im Stadion allgegenwärtig ist und inwiefern Politik im Stadion zu unterstützen ist.

Keine Politik im Stadion?

Der Ausdruck 'Keine Politik im Stadion' sagt grundsätzlich nicht aus, dass keine Politik im Stadion präsent ist. Ausgedrückt wird ein Wunsch nach einem Stadion, das total frei ist von all den Einflüssen der 'Aussenwelt'. Sprich: Egal wer du ausserhalb des Stadions bist, was du arbeitest, wo du wohnst, was du denkst, innerhalb vom Stadion sind alle gleich und verfolgen ein gemeinsames Ziel, nämlich die Mannschaft zu unterstützen. Diese Idee ist grundsätzlich eine verständliche, denn wer würde sich schon nicht gerne dem Kapitalismus entziehen? Auch in Fangesängen und -aussagen wird diese Idee widerspiegelt, man verspricht dem Verein ewige Treue, unbedingte Liebe und absolute Unterstützung. Sachen, die im Kapitalismus nicht alltäglich sind.

Tatsächlich sind der Kapitalismus und alle seine Ausdrücke natürlich im Stadion genauso gegenwärtig wie auf der Strasse vor dem Stadion. Zum Thema bürgerliche Repression in und um das Fussballstadion findet man unter Fansicht oder Pro 1530 zahlreiche Beispiele. Zu Rassismus im Stadion in der Schweiz fand man in 'Fascho – Die Ausstellung' in der Roten Fabrik Beispiele. Auch in der Frage der Preispolitik ist natürlich ein Stadion nach kapitalistischen Prinzipien entwickelt, es gibt die teuren Sitze für die Bonzen und die 'billigen' Sitze für den Pöbel, von Gleichheit keine Spur. Dieser Zustand verschärft sich zunehmend, so dass unterdessen auch die Sitze für den Pöbel für Schüler, Lehrlinge und andere Personen mit wenig oder keinem Einkommen kaum bezahlbar werden. In den Transfers offenbart sich ein weiteres Beispiel dafür, dass der Kapitalismus im Sport seinen Einzug hat: Wer kann schon von einem Spieler noch ewige Treue zum Verein erwarten, wenn ein anderer Verein anklopft, der das doppelte an Lohn bieten kann?

Organisatorisch orientieren sich auch immer mehr Vereine immer stärker an den Vorbildern aus der Wirtschaft (auch, weil dies zum Teil vom Verband gefordert wird), es entstehen Aktiengesellschaften, die nur noch eines wollen: Den Verein möglichst so verwalten, dass sie am meisten Geld machen. Ein Beispiel dafür liefert Olympique Lyonnais: Nebst dem Fussball führt dieser Verein auch ein Restaurant, einen Coiffeursalon, einen Taxi-Service, Gourmetangebote, Getränkelieferungen und eine Fahrschule. Weiter gibt es, wie in der Wirtschaft, Übernahmen und Fusionen: Wie Axa Winterthur-Versicherungen aufkauft, übernimmt bei Manchester United eine Privatperson (Malcolm Glazer), trotz Protesten der Fans, den Verein. Wie der Zürcher Schlittschuhclub 1997 mit der Eishockeyabteilung vom Grasshopper Club fusionierte (daraus enstanden die ZSC Lions und die GCK Lions), planen zum Beispiel Delta Airlines und United Airlines die Fusion.

Man sieht, der Kapitalismus ist im Stadion längst angekommen und um ihn dort rauszukriegen wird ein einfaches 'Keine Politik im Stadion' niemals reichen. Um Rassismus, Sexismus, Repression und den Modernen Sport1 aus dem Stadion zu vertreiben, muss man aktiv bleiben und erst recht linke Politik, die sich fortschrittlich und kritisch mit dem Kapitalismus und seinen Folgen im und um das Stadion auseinandersetzt, im Stadion betreiben.

Linke Politik im Stadion!

Um gegen den Kapitalismus im Stadion zu protestieren, gibt es zahlreiche Möglichkeiten. So führen einige Fankurven immer wieder Aktionen mit Choreografien, Transparenten, Doppelhaltern, Gesängen oder Boykotten durch, in denen konkret Repression, Rassismus, Kommerzialisierung und so weiter thematisiert wird. Die Fans von Rapid Wien drücken zum Beispiel regelmässig ihre Abneigung gegenüber der Euro 08 und den damit verbundenen Verschärfungen in der Repression aus. Auch die Zürcher Südkurve machte vor der Abstimmung am 24. Februar 2008 zum Polizeigesetz in Zürich mit einem Transparent mehrmals darauf aufmerksam, dass sie eine Nein-Parole empfiehlt. Und nachdem Ivan Ergic, ein Spieler des FC Basel, sich in einem Interview gegenüber der Euro 08 kritisch ausdrückte, solidarisierte sich die Basler Muttenzerkurve mit ihm und seinen Aussagen. Sogar mit Streik arbeiten einige Kurven! Als der FC Zürich die billigsten Preise bei sogenannten Topspielen bei 38.- Franken festsetzte, boykottierten die Fans der Young Boys, des FC Basel und des Grasshopper Club Zürich die Spiele ihrer Mannschaften im Zürcher Letzigrund. Die Folge war, dass der FC Zürich die Preise auf 28.- für das billigste Ticket senkte, egal ob Topspiel oder nicht.


1Unter dem 'Modernen Sport' versteht man den zunehmenden Einfluss der Wirtschaft auf den Sport. Folgen davon sind Profitgier der Vereine und verschärfte Repression gegen die Kurven. Der Sport widerspiegelt immer stärker die kapitalisierte Welt.